Historisch Denken lernen mit Zeitzeugen

Hinweise auf die differenzielle Wirkung der Arbeit mit Live-Zeitzeugen im Vergleich zur Arbeit mit Videos oder schriftlichen Interviews lieferte sowohl die Dissertationsstudie (randomisiertes und kontrolliertes Interventionsdesign N=962) von Frau Bertram, als auch die Forschung in diesem Bereich. Schülerinnen und Schüler in der Live-Gruppe hatten viel Spaß an der Unterrichtseinheit und waren fest davon überzeugt, dass sie durch das direkte Gespräch mit dem Zeitzeugen methodisch und inhaltlich viel gelertn haben. Jedoch schnitten sie in den Kompetenztests schlechter ab, als die anderen Gruppen: Sie hatten es weniger gut verstanden, dass historische Darstellungen generell und Zeitzeugenaussagen im Besonderen kritisch hinterfragt ("de-konstruiert") werden müssen.


Studie 1: Wirksamkeitsstudie

Chancen und Risiken der Arbeit mit Zeitzeugen

Welche Wirkungen die Arbeit mit lebendigen Zeitzeugen auf den Unterrichtserfolg hat - im Vergleich zur Arbeit mit Zeitzeugenvideos und mit Transkriptionen von Zeitzeugeninterviews, wurde in insgesamt 30 Klassen - jeweils zehn Klassen pro Bedingung (Live, Video, Text) und fünf Kontrollklassen - erforscht. Das Ergebnis der experimentellen Interventionsstudie bestätigte, was die Forschung zuvor nahegelegt hatte: Die Schülerinnen und Schüler in der Live-Gruppe waren "emotional ergriffen", es mangelte ihnen aber an kritischer Distanz. Sie haben im Vergleich zu den Video- und Text-Gruppen weniger gut verstanden, dass Geschichte über die Vergangenheit dekonstruiert werden müssen und dass Zeitzeugen perspektivisch sind. Jedoch waren sie fest davon überzeugt, dass sie methodisch und inhaltlich viel gelernt haben und hatten viel Spaß an der Unterrichtseinheit.

Bertram, C., Wagner, W. & Trautwein, U. (2017). Learning historical thinking with oral history interviews. A cluster randomized controlled intervention study of oral history interviews in history lessons. American Educatioinal Research Journal. First published date: February-01-2017. doi:10.3102/0002831217694833

Bertram C. (2017). Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chancen oder Risiken für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventioinsstudie (Reihe Geschichtsunterricht erforschen). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.

Kooperation: Ulrich Trautwein, Wolfgang Wagner (Universität Tübingen), Bodo von Borries (Universität Hamburg)

Ansprechpartnerin: Christiane Bertram

Studie 2: Differenzielle Wirksamkeit der Zeitzeugenintervention

Differenzielle Wirksamkeit der Zeitzeugenintervention für Lernende mit unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen

In der Wirksamkeitsstudie fanden sich Hinweise darauf, dass sich der Unterricht mit Zeitzeugen auf das Lernen historischer Sachkompetenzen auswirkt. Doch gelten diese Ergebnisse für alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen?

Die differenzielle Wirksamkeit von bestimmten Treatments (z.B. bestimmte Unterrichtssettings; hier: Zeitzeugenintervention) für Lernendee mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen wird im Rahmen des Aptitude-Treatment-Interaction-Paradigmas (ATI) erforscht. Die untersuchten Interventionsbedingungen unterscheiden sich in Bezug darauf, wie stark eine untgewohnte, soziale Situation entsteht. Folglich spielen in der differenzierten Betrachtung weniger kognitive Fähigkeiten, als vielmehr soziale Kompetenzen und Einschätzungen der Schülerinnen und Schüler eine Rolle.

Die Studie untersucht, inwiefern sich der Einfluss der verschiedenen Formate der Zeitzeugen- Intervention für Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichem Selbstwert und sozialem Selbstkonzept auf ihre Einsicht in die epistemologischen Prinzipien von Geschichte unterscheidet. Erste Ergebnisse zeigen, dass Schülerinnen und Schüler mit hohem Selbstwert und sozialem Selbstkonzept in der Live-, wie auch der Video/Textbedingung gleichermaßen lernen. Schülerinnen und Schüler mit einer niedrigen Ausprägung auf den betrachteten Variablen schienen allerdings mehr von der Video/Textbedingung zu profitieren.

Vorträge:

Bertram, C., Henke, L., Wagner, W. & Trautwein, U. (2018, April). Who profits from Oral History in school? Differential effects of an oral history intervention in school. Vortrag im Rahmen des Symposiums "Examining personal epistemology in history teaching and learning". Jahrestagung der American Educational Research Association (AERA), New York City, USA.

Henke, L., Bertram, C., Wagner, W. & Trautwein, U. (2018, Februar). Zeitzeugenbefragung im Geschichtsunterricht. Wer lernt in welchem Unterrichtssetting? Vortrag im Rahmen einer Paper Session. Jahrestagung der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF), Basel, Schweiz.

Veröffentlichungen:

Henke, L., Wagner, W., Bertram, C., Trautwein, U. & Nagengast B. (in Vorbereitung). When some students are better off with lessons "as usual" - How students' characteristics moderate the effectiveness of an oral history intervention.

Kooperationspartner: u.a. Prof. Dr. Christine Baron (Columbia University, New York) und Silvana Hillinger (LAkD Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistitischen Diktatur)

Ansprechpartnerin: Lisa Henke

Studie 3: "Aura der Authentizität" - Das besondere Erleben von Zeitzeugen

Was ist das Besondere an der Erfahrung mit Zeitzeugen?

Charakteristika der Schülerinnen und Schüler spielen nach den vertiefenden Interaktionsanalysen der Zeitzeugen-Studie eine besondere Rolle für die Wirksamkeit der Intervention. Zudem gab die Zeitzeugenstudie Hinweise darauf, dass die Lernenden, wenn sie mit einem Live-Zeitzeugen arbeiten, die Perspektivität von Zeitzeugenaussagen und die Notwendigkeit, diese zu dekonstruieren, weniger gut verstehen als die Lernenden in der Video- und Textgruppe. Deshalb soll in einem fortführenden Projekt der Frage nachgegangen werden, was "das Besondere" dieser Begegnung ist, welche Sabrow (2012) mit dem Begriff der "Aura der Authentiztiät" zu fassen versucht hat. Zudem soll der Frage nachgegangen werden, welche Voraussetzungen und Kontextvariablen auf sie wirken und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen. In einem Dissertationsprojekt wird hierzu ein theoretisches Modell entwickelt, welches diese Begegnung beschreiben soll. Auf Grundlage von Schülerinterviews und Literaturrecherche in verschiedenen Disziplinen (u.a. Philosophie, Theologie, Medizin, Medienpsychologie) stehen Schlagworte wie Authentizität, Empathie, Emotion und Reflexion im Zentrum des Modells. Ziel ist es ein standadisiertes Messinstrument zur Erfassung dieser Erfahrung zu entwickelt, das in weiteren Studien zur Wirksamkeit von Zeitzeugen in Schulen, aber auch an historischen Orten und Gedenkstätten eingesetzt werden kann. Eine erste Erprobung des Messinstruments im Sommersemester 2018 zeigte ermutigende Resultate. Im Jahr 2019 wird der optimierte Fragebogen in einer weiteren Studierendenerhebung (Universität Tübingen) eingesetzt werden, wie auch in Schulklassen (35 Schulklassen im Land Brandenburg, 15 Schulklassen in Baden-Württemberg). 

Henke, L., Weller, A., Baron, C., Bertram, C., Wagner, W. & Trautwein, U. (in Vorbereitung). Engaging authenticity: A framework for encounting complex historical sources.

Kooperation: Juliane Brauer (MPI Berlin), Christine Baron (Columbia University) und Silvana Hillinger (LAkD Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunisitschen Diktatur)

Universität Tübingen: Ulrich Trautwein, Wolfgang Wagner

Ansprechpartnerin: Lisa Henke

Studie 4: Generation 1975 - Ein multimediales Zeitzeugenprojekt

Ziel des der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beantragten Projekts ist die wissenschaftlich fundierte Vorbereitung, Durchführung und Archivierung von dreißig lebensgeschichtlichen Interviews der "Generation 1975" aus dem Osten und Westen Deutschlands, die sich an das geteilte und wiedervereinigte Deutschland erinnern. Diese bisher wenig in den Blick genommene Generation wie auch der wechselseitige Blick auf das eigene und geweils andere gesellschaftliche System sollen dabei helfen, neue Themen und Zielgruppen für den Themenbereich "Geteiltes und wiedervereinigtes Deutschland" zu erschließen. Die jeweils dreistündigen Oral History-Interviews werden der Geschichtswissenschaft in dem "Archiv Deutsches Gedächtnis" zur Verfügung gestellt. Zudem werden die Videos in unterschiedlicher Form medial und künstlerisch aufbereitet und in der historisch-politischen Vermittlungsarbeit durch den Kooperationpartner Stiftung Berliner Mauer genutzt. Darüber hinaus werden die Video im Lehrangebot der Universität Konstanz wie auch in der Multiplikation der Zeitzeugenstudie eingesetzt.

Eine Anmeldung zur Vorauswahl ist hier möglich.

Kooperationspartner: Stiftung Berliner Mauer

Ansprechpartner: Christiane Bertram

Studie 5: Multiplikationsstudie

Unterricht mit Zeitzeugen mit den eigenen Lehrerinnen und Lernern

Die Wirksamkeitsstudie, in der eine Lehrkraft alle Experimentalklassen unterrichtete, kann als Startschuss für die experimentelle Forschung zu Zeitzeugen im Geschichtsunterricht bezeichnet werden. In einer Multiplikationsstudie werden die in einer Lehrerfortbildung geschulten Lehrkräfte die Intervention durchführen. Dank des zwischenzeitlich vorliegenden Kompetenztests HiTCH (Historical Thinking Competences in History) ist es möglich, die Effekte auf die Bandbreite historischer Kompetenzen zu untersuchen. Im Fokus des wissenschaftlichen Interesses steht die Frage nach der differenziellen Wirkung der Arbeit mit einem "lebendigen" und einem "digitalen" Zeitzeugen (Live-Befragung versus Arbeit mit dem Video). Zeitzeugeninterviews werden für die Unterrichtsintervention genutzt: Geeignete videografierte Zeitzeugen werden als Live-Zeitzeugen in den Unterricht geladen. Dank des bis dahin entwickelten "Aura"-Instruments (Studie 3) kann im Kontext der Mulitplikationsstudie die eventuell mediierende oder moderierende Wirkung des "Besonderen" der lebendigen Zeitzeugenbegegnung untersucht werden.

Kooperation: Universität Tübingen: Ulrich Trautwein, Wolfgang Wagner, Lisa Henke

Ansprechpartnerin: Christiane Bertram

Interview mit Christiane Bertram zu Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

Hier geht es zum Video mit Frau Bertram.